Jüdische Kultusgemeinde Dresden stellt in der Klosterkirche Pirna aus
Nanu, erst beteten hier Katholiken, nach der Reformation im sächsischen Pirna im Jahre 1539 kurzzeitig evangelische Christen, dann wieder Katholiken – und jetzt Juden?“ So erstaunt reagierte kürzlich eine Besucherin beim Betreten der katholischen Klosterkirche St. Heinrich in Pirna.
Das war ihre Reaktion auf die Bild‑Text‑Ausstellung der Jüdischen Kultusgemeinde Dresden in der katholischen Klosterkirche St. Heinrich in Pirna, die am 9. Juni 2026 eröffnet wurde. Eine jüdische Ausstellung in einem christlichen Gotteshaus?
Heute erscheint es selbstverständlich, dass Juden in einer Kirche ausstellen. Doch diese Normalität ist historisch jung. Noch vor achtzig Jahren wäre ein solches Miteinander kaum denkbar gewesen.
Ein Blick in die Geschichte: Vom Vorurteil zur Umkehr
Das Kloster Pirna, um 1300 vom Leipziger Dominikanerkonvent gegründet, steht exemplarisch für eine Epoche, in der Christen aller Konfessionen tief verwurzelte Formen von Judenfeindschaft teilten und verbreiteten. Über Jahrhunderte prägten schwere Anschuldigungen das christliche Weltbild:
- Vorwurf moralischer Minderwertigkeit: Juden wurde fälschlich unterstellt, sie seien geldgierig, Machtbesessen oder moralisch deformiert.
- Vorwurf religiöser Blindheit: Man behauptete, sie seien „blind“ für die Wahrheit Christi, „verstockt“ oder „hartnäckig“.
- In Krisenzeiten bezichtigte man sie der Brunnenvergiftung und machte sie für die Pest verantwortlich.
Der schwerwiegendste und folgenreichste Vorwurf lautete jedoch: Juden seien kollektiv für den Tod Jesu verantwortlich.
Dieser Gedanke wurde über Jahrhunderte in Predigten, Liturgie und christlicher Kunst tradiert — etwa in Darstellungen wie der sogenannten Judensau. Er legitimierte Ausgrenzung, Gewalt und die Vernichtung ganzer jüdischer Gemeinden.
„Judensau“ am Regensburger Dom. Juden werden verspottet. Sie saugen an den Zitzen einer Sau.

Judenmission und kirchliche Umkehr
Ausgehend von der vermeintlichen Überlegenheit der christlichen Lehre betrieben Kirchen bis ins 20. Jahrhundert eine systematische Mission unter Juden, also den Versuch, sie zum Übertritt zum Christentum zu bewegen.
Erst nach 1945 — und besonders seit den 1960er‑Jahren — vollzogen die großen Kirchen eine offizielle Abkehr von der Judenmission. Einen entscheidenden Impuls gab das Zweite Vatikanische Konzil. Die Erklärung Nostra Acetate (lat. für „In unserer Zeit“) vom 28. Oktober 1965 markierte eine theologische Zeitenwende und bildet bis heute die Grundlage des jüdisch‑katholischen Dialogs.
Die Ausstellung: Lebendiges jüdisches Leben heute
Die 25 Tafeln der Ausstellung geben Einblicke in das vielfältige Leben der Gemeinde. Fotos und Texte thematisieren unter anderem:
- Erinnerung und Gedenken: Das Bewusstsein für die Geschichte als Fundament der Gegenwart.
- Neuanfang und Aufbau: Der Weg von einem provisorischen, heruntergekommenen Raum bis zur Synagoge der Kultusgemeinde.
- Gemeindeleben und Bildung: Gottesdienste sowie religiöse Bildungsangebote für Kinder und Jugendliche.
- Kultur und Alltag: Festkultur, Tanz, Gemeinschaft und Lebensfreude. Die Tafeln zeigen, wie Traditionen bewahrt und zugleich lebendig gestaltet werden. Sie machen sichtbar, wie religiöse Praxis, Gemeinschaft und Lebensfreude miteinander verbunden sind.

Darüber hinaus dokumentiert die Ausstellung die engen Verbindungen zur Stadtgesellschaft: Begegnungen mit Nachbarn, Kooperationen mit nicht jüdischen Initiativen und gemeinsame Projekte, wie das Anlegen eines Gartens. Die Porträts von Mitgliedern der Kultusgemeinde unterschiedlicher Herkunft und Lebenswege unterstreichen die Vielfalt innerhalb der Gemeinde.
Besonders deutlich wird die tolerante Grundhaltung der Kultusgemeinde am Pride‑Schabbat (einem Schabbat für Vielfalt und Inklusion) und der Dokumentation der Hochzeit zweier Frauen. Diese Offenheit ist Ausdruck eines modernen Selbstverständnisses — und zugleich eine bewusste Antwort auf die historischen Erfahrungen von Ausgrenzung und Verfolgung, besonders auch während der NS‑Zeit.
Die Ausstellung zeigt, wie Erinnerung und Gegenwart miteinander verbunden sind und wie sich daraus ein selbstbewusstes, vielfältiges jüdisches Leben entwickelt.
Ein starker Kontrast im Kirchenraum
Dreiflügliger Altar und Ausstellung der Kultusgemeinde

Die Platzierung der Ausstellung in der Klosterkirche erzeugt eine starke Symbolik. Beim Betreten der Kirche fällt der Blick sofort auf den dreiflügligen Altar mit Maria und dem Jesuskind im Zentrum — also auf jene Person, für deren Tod Juden über Jahrhunderte hinweg fälschlich verantwortlich gemacht wurden.
Heute hingegen steht die Ausstellung sichtbar und prominent in unmittelbarer Nähe des Jesuskindes. Ein eindrucksvoller Ausdruck des historischen Fortschritts.

Maria mit Jesuskind im dreiflügeligen Altar
Gemeinsam bis zur Eröffnung
In enger Zusammenarbeit zwischen Christoph Brühl, als Mitglied des Kirchenvorstandes, und der Jüdischen Kultusgemeinde wurde die Ausstellung vorbereitet.
Die Eröffnung am 9. Juni 2026 war gut besucht. Vertreter der katholischen Gemeinde und der Kultusgemeinde sprachen kurze Grußworte; die Veranstaltung wurde musikalisch eindrucksvoll begleitet.
Da die Kirche ein beliebtes Ziel für Touristinnen und Touristen ist, rechnen die Gastgeber in den kommenden vier Wochen mit über 1.500 Besuchenden.
Herbert Lappe , 15.062026
Dieser Text wurde unter Verwendung von KI‑Assistenz redigiert; die inhaltliche Verantwortung liegt bei den Autoren.
Besuchszeiten
Die Ausstellung ist bis 12. Juli 2026 in der Klosterkirche Pirna zu sehen.
Öffnungszeiten der Kirche:
- Dienstag bis Samstag: 10:30–12:30 Uhr und 14:00–16:00 Uhr
- Sonntag: 11:00–13:00 Uhr
Die Ausstellung wurde als Wanderausstellung konzipiert. Anfragen an herbert@jk-dresden.de